Ein kritischer Blick auf den Bestseller von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, der die neue „dionysische Kraft des Faschismus“ erhellen will und darin auf Versatzstücke der Kritischen Theorie zurückgreift
Wie lässt sich der neue globale Rechtsruck begrifflich fassen? Die SoziologInnen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben dafür zwei Begriffe parat, die auch im Titel ihres neuen Buches enthalten sind: „Zerstörungslust“ und „demokratischer Faschismus“. Bei der Faschismusbestimmung durchzieht das Buch etliche Ungereimtheiten und Widersprüche, so wenn der Faschismus mal als Antiliberalismus gekennzeichnet, er dann aber wieder als eine Form des Liberalismus mit illiberalen Mitteln skizziert wird. Den historischen Faschismus beschreiben sie korrekt als inkohärenten Ideologie-Mischmasch. Marxistische Faschismusanalyse hatte immer den Vorteil, sich nicht in der Beschreibung dieses Mischmasch aufzureiben, sondern dem Zweck nachzugehen: nämlich ohne Gegner imperialistischer Raubstaat sein zu können. Der Zweck fehlt bei Amlinger und Nachtwey. „Demokratischer Faschismus“ ist für alle, die einen strikten Faschismusbegriff haben und „Faschismus“ eher als Epochenphänomen behandeln, ein schwarzer Schimmel. Denn die historischen Faschismen haben parlamentarisch-demokratische Regierungsformen ja in einen diktatorischen Führerstaat verwandelt und umgebaut. Nichts deutet im Moment auf eine solche Dynamik hin, auch wenn Präsident Trump sich weitgehend um einen Umbau der US-Gesellschaft in Richtung Autoritarismus und Ende der Gewaltenteilung bemüht. Das Buch verweist auf Robert Paxtons Faschismusanalyse, ihm folgen sie auch, wenn sie Trump als Faschisten ansehen. Paxton hatte im Januar 2021 argumentiert, dass Trumps Aufruf zur Kapitol-Stürmung am 6. Januar 2020 eine offene Ermutigung zur zivilen Gewalt darstelle, er eine Wahl schlicht ignoriere und damit eine rote Linie überschritten habe. Mittlerweile sind sicherlich viele andere Ereignisse dazugekommen, die die Brutalität und Grausamkeit Trumpscher Politik unterstreichen. Aber die Demokratie hat noch Bestand, politische Gegner sitzen nicht im Lager. Es würde meines Erachtens mehr Sinn machen, die AfD, Meloni, Trump, Putin, Milei und die lateinamerikanischen Reaktionäre vor Augen von einem „faschistoiden Autoritarismus“ zu sprechen.
Die diagnostizierte Destruktivität des rechten Milieus versuchen Amlinger/Nachtwey unter Bezugnahme der Kritischen Theorie und vor allem der Sozialpsychologie Erich Fromms zu erhärten. Der Frankfurter Sozialpsychologe hatte Destruktivität und Autoritätshörigkeit in den 40er Jahren als zentrale Merkmale faschistischer Persönlichkeitsstrukturen identifiziert und sie mit der Erfahrung eines „vereitelten Lebens“ erklärt. Diese Diagnose nehmen die beiden SoziologInnen auf, die gleichzeitig selbst empirisch vorgehen. Um aktuelle destruktive Einstellungen zu messen, haben sie eigene „Need-for-Chaos-Items“ erstellt. Diese lauteten: „1. Wenn man gute Gründe hat, ist auch gewalttätiges Verhalten gerechtfertigt. 2. Ich denke, diese Gesellschaft sollte in Schutt und Asche gelegt werden. 3. Wenn ich an unsere politischen und sozialen Institutionen denke, kann ich nicht anders, als zu denken: ‚Sollen sie doch einfach alle untergehen‘.“ Die Fragen sind methodisch problematisch, weil sie ja eher ein nihilistisches Weltbild abfragen als ein rechtes. Darüberhinaus scheint doch das Abfragen von Bereitschaft zu Gewalttätigkeit, welche vom Inhalt der Gewalttätigkeit selbst abstrahiert, wenig geeignet, um über den Sachverhalt, also rechte Weltbilder, aufzuklären. Interessant und verstörend ist hier beispielsweise, dass nach der AfD der zweithöchste Anteil von „hoch destruktiv“ Eingestellten SPD-Wahlabsichten hegen. Spätestens hier hätte man doch hinter der ganzen Methode und Befragung ein dickes Fragezeichen setzten müssen, ist doch bekannt, dass Konstruktivität und Staatsbürgerlichkeit, Maß und Mitte genau hier, in der Sozialdemokratie, ihren Platz haben.
Augenscheinlich bekommt das Buch seinen Gegenstand analytisch nicht ganz zu fassen. Anregend als Aufforderung, die Kritische Theorie als Analyserahmen zu nehmen, ist es allemal. Im Kanon der Kritischen Theorie Adornos, Fromms, Löwenthals, die auf interessante Art von Amlinger/Nachtwey zitiert werden, finden sich tatsächlich auch heute noch scheinbar zutreffende, äußerst plausible Aussagen. Doch ob die gesamte sozial- und individualpsychologische Fundierung beispielsweise des Begriffs „autoritärer Charakter“ auf AfD- und Trump-Wähler:innen zutrifft, bleibt ausgespart. Vielleicht muss das auch so sein, damit die mehr suggestiven als analytischen Begriffe ihre Plausibilität behalten.
Obwohl das Buch in weiten Teilen anregend und gut zu lesen ist, kann es seine Zentralthese, dass nämlich Gefahr wie Einheitlichkeit von Rechts sich in einer Zerstörungslust ausdrücke und diese gleichsam den rechten Block konstituieren würde, nicht recht erhärten. Dass liegt vor allem daran, dass sich die beiden SoziologInnen bis an den äußersten linken Rand ihrer Disziplin vortasten, ihn aber nicht überschreiten. Sie kritisieren den Liberalismus, wenn auch keinesfalls in der Radikalität eines Max Horkheimer in den 30ern. Sie fordern einen „postliberalen Antifaschismus“ und gehen damit weit über das hinaus, was bürgerliche Diskutanten hochhalten: Bildung, Aufklärung, Toleranz. Den Zusammenhang des neuen rechten Durchmarschs mit Auseritätspolitik, mit dem realen Liberalismus mitsamt seiner verkündeten Alternativlosigkeit, die Politik erstickt, sprich: mit vom Kapitalismus selbst produzierten Ungleichheitsprozessen machen sie überdeutlich. Sie kritisieren über weite Strecken des Buches die Eliten des Liberalismus mehr als die dem Kapitalismus Unterworfenen, was ihnen von nicht so links stehenden Wissenschaftlern wie Jan-Werner Müller auch angekreidet wird (berlin review Nr. 5. Oktober 2025). Dabei lohnt sich gerade deswegen die Lektüre des Buches.
Doch sie verpassen es, die Weltbilder, Interessen, Politiken und Begehrensströme, die sich aktuell im rechten Kosmos treffen, auseinanderzudröseln und zu unterscheiden. Eine wirkliche Klassenanalyse sucht man in dem Buch vergebens. Diskurse werden aufgerufen, doch nicht auf Interessen zurückbezogen. Damit liefern sie linker Politik kaum weitergehende Ansatz- und Diskussionspunkte. Sicherlich grassiert eine „Zerstörungslust“ unter den verschärft wirtschaftsliberalen Exponenten der neuen rechten Machteliten wie Milei, dessen quasifaschistische Politik zugespitzter Neoliberalismus ist und der Idee von „schöpferischer Zerstörung“ des Sozialstaats nach Josef Schumpeter folgt. Was für die Wirtschaft gilt, gilt noch lange nicht für die Gesellschaft. Bei weiten Teile des rechtsautoritären Lagers lässt sich für Kernbestandteile ihres Denkens gerade keine Zerstörungslust ausmachen, sondern ein autoritärer Ordnungssinn. AfD-Politiker Tino Chrupalla kritisiert in seiner Logik die „Zerstörungslust“ der Bundesregierung, wenn diese die Ukraine aufrüstet und im EU-Verbund eine kriegerische Dynamik gegenüber Russland verfolgt. Für das AfD-Milieu, wie auch Teile von Freien Wählern oder der CDU/CSU zerstört Migration nicht nur das deutsche Stadtbild, sondern die gewünschte Ordnung in Deutschland generell. Fremdenfeindliche Aussagen, die keineswegs neu sind, und die sich in den widersprüchlichen Aussagen zusammenfassen lassen: „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder „Ausländer sind faul und wollen nicht arbeiten“, verweisen auf alles mögliche, aber nicht auf eine gravierende Zerstörungslust. Sie radikalisieren doch viel eher Kernbestandteile bürgerlichen Denkens. Der Kulturkampf der Rechten gegen Transpersonen und Gender-Sprache tritt immer im Gestus der Bewahrung der natürlichen Ordnung auf und sieht bei den liberalen Eliten die „Zerstörungslust“ des guten Althergebrachten vorliegen. Nicht nur hier sind die Rechten als Ultrakonservative zu verorten. Dennoch behaupten Amlinger/Nachtwey: „Destruktivität ist der sozioemotionale Kern des faschistischen Begehrens“. Doch es sind nicht in erster Linie faschistische Kräfte, die destruktiv in Hinsicht auf Klimapolitik, Lieferkettengesetz, Rüstung und Abrisse des Sozialstaats wirken, dies tun bereits die bürgerlichen Parteien „der Mitte“. Und es ist nicht in erster Linie die Destruktivität um ihrer selbst willen, die extrem rechte Parteien und Strömungen verfolgen. Das Angst vor dem Chaos macht immer noch rechtes Denken aus. Im Moment finden unterschiedliche Klassen und Schichten in faschistoiden autoritären Blöcken zusammen und formieren sich. Die Menschen dieser Klassen haben teilweise diametral verschiedene Existenzsituationen und Interessen. Klassenangehörige unterer Schichten, die tatsächlich einem „blockierten Leben“ ausgeliefert sind, klammern sich vehement an Staatsbürgerlichkeit und Nationalismus, um ihre Position als kleine Profiteur:innen im Gefüge der „imperialen Lebensweise“ abzusichern. Sie verbünden sich mit den Stärkeren und treffen sich so mit neuen superreichen Eliten, die jede Form einer möglichen Verteilungsgerechtigkeit abwehren und blockieren. Gemeinsame Interessen haben sie kaum, doch Ultranationalismus und Rassismus schweißt sie zusammen. Dies geschieht in einer welthistorischen Konstellation, die von verschärfter Konkurrenz geprägt ist. Dem nd-Redakteur Raul Zelik ist zuzustimmen, wenn er in seiner Rezension des Buches vom 23.10.2025 schreibt, dass „die Verschärfung des Rassismus auch als Ausdruck sich zuspitzender Ressourcenkonkurrenz innerhalb eines ökonomischen Weltsystems verstanden werden muss.“ Vor dem Hintergrund dieses globalen Blicks auf einen racial capitalism muss Amlingers und Nachweys Blick als national borniert angesehen werden: So reduziere sich „der Blick bei ihnen auf die Betrachtung unglücklicher deutscher Seelen, die nach dem Ende der Aufstiegsgesellschaft in einem Teufelskreis aus Verlustangst und Destruktivität gefangen sind. In dieser Hinsicht bleibt der Blick von Amlinger und Nachtwey auf eigentümliche Weise provinziell.“ Ihr Plädoyer für einen neuen Antifaschismus in ihrem Schlussfazit biegt auch an den Stellen ins Reformistische und Kommunitaristische ab, wo sie sich auf Kritiker des Liberalismus beziehen. Prominent erscheint bei ihnen am Ende der radikale französische Denker Jean-Claude Michéa, dessen gewagte und waghalsige Vorschläge auf eine klassenkämpferische Erneuerung des Sozialismus im Geiste des alten Anarchismus hinauslaufen, um die berechtigte Verachtung für den realen Liberalismus, der aufseiten proletarisierter Leute von unten anzutreffen ist, vom populistischen Eliteprojekt zu lösen. Das ist kein „gemeinschaftsorientierer Postliberalismus“, was Amlinger und Nachtwey ihm andichten, sondern ein Aufruf zur radikalen Liberalismuskritik, welche Ausbeutungs- und Entfremdungskritik in einem sein müsse und die moralische Ausbeutungskritik des frühen Sozialismus reaktivieren solle. Damit sind wir jenseits liberaler, auch selbstkritisch liberaler Diskurse.
Carolin Amlinger/ Oliver Nachtwey, Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Suhrkamp Berlin 2025