Manchmal gibt es tolle Zufälle. Erst vor kurzem druckte ich einen längeren Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus, der unter dem vielsagenden Titel „Wie ein Altnazi die Friedensbewegung mitprägte“ erschienen war. Es ging um das in Bochum geborene und 1992 in Trier verstorbene NSDAP-Mitglied Paul Wipper, der eine steile Karriere in der SS machte, nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Entnazifizierung und Wiedergutmachung polemisierte und schließlich in den späten 70ern Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V. wurde. Der lange FAZ-Text zeichnet nach, dass Wipper eine relative publizistische Wirkmacht im lokalen Raum entfalten konnte. Wippers Feindbild habe sich schlicht geändert, anstelle der Juden habe er nun als Friedensaktivist die US-Amerikaner attackiert. Sicherlich sind solche Biographien interessant, weil ja tatsächlich innerhalb der Friedensbewegung aufgrund der geopolitischen Situation der Kalten-Kriegs-Ordnung nationale Töne angeschlagen wurden und sich besonders in Deutschland auch einige rechte Stimmen in der Bewegung artikulierten. Dennoch war die Friedensbewegung, wie die historisch ältere Ostermarschbewegung, eine mehrheitlich von linken Kräften dominierte Kraft. Nicht ganz ohne Grund wurden sie von den tragenden Eliten der BRD als von Kommunisten geführt oder unterwanderte Bewegungen gezeichnet. Und Kommunisten hatten eben keine steile Karriere in der SS vorzuweisen, sondern kamen zuweilen aus den Konzentrationslagern der Nazis und waren von Zuchthausaufenthalt unter Adenauer bedroht. So endet der recht eigentümlich personenzentrierte Text aus der FAZ auch nicht mit einer realistischen Einschätzung der historischen Friedensbewegung in Westdeutschland, sondern holt zur Generalabrechnung aus: Der Fall Wipper zeuge nämlich „von langen ideologischen Linien“. So sei die heute noch bestehende AG Frieden als etablierter Verein mit „staatlich geförderter Bildungsarbeit und zahlreichen Vernetzungen“, wie der Autor schreibt, „nicht gänzlich frei von Berührungspunkten zu einem friedenspolitisch getarnten Extremismus“. Der Text bleibt hier zwar beim Raunen, wird dann aber politisch konkret: Die „Eignung für Auftritte in und mit Schulen“ der Arbeitsgemeinschaft sei in Zweifel zu ziehen. Ein Arbeitskreis Trier im Nationalsozialismus der AG Frieden bedürfe „dringend einer wissenschaftlich fundierten Begleitung“.
Im Grunde ist damit der Gastbeitrag der FAZ vom 8. Mai 2026 – auch das Datum der Veröffentlichung scheint nicht ganz bedeutungslos zu sein – nicht etwa ein erhellendes Stück kundiger Geschichtsschreibung, sondern ein Aufruf friedenspolitisches Engagement verstärkt unter der repressiven Optik des Antiextremismus zu betrachten. Kein Zufall in einem Land, das sich kriegstüchtig aufstellen möchte. Worin besteht jetzt dieser Zufall, von dem ich zu Beginn schrieb? Erst vor wenigen Tagen bekam ich einen Beitrag der Wochenzeitung DIE ZEIT von mehreren Bekannten zugeschickt. Er trug den ebenfalls deutlichen Titel „Hier entsteht eine neue Querfront“. Als Autor des Buches „Die andere Querfront“ wäre das doch etwas für mich, so die Kommentare der Hinweisgebenden. Tatsächlich ging ich in diesem Buch auch dem „Querfront“-Begriff als Kampfbegriff gegen links nach – und konstatierte eine von links-“antideutschen“ bis rechts-liberalen Stimmen gehende „andere Querfront“, die mit sehr ähnlichen Argumenten und stets bellizistisch gestimmt, Friedenskräfte zu attackieren trachten. Natürlich interessierte mich dieser ZEIT-Artikel. Ich druckte auch diesen aus und fing an zu lesen. Erst da fiel mir auf, dass es sich um den gleichen Autoren handelte wie beim Nazi-Friedensbewegungs-Text: Markus Linden, seines Zeichens seit 2020 außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier. In seinem ZEIT-Artikel geht er nun wendungsreich einer neuerlichen extremistischen Bedrohung nach: Die Erinnerungspolitik in Deutschland, deren Genese er kaum nachzeichnet, werde von einer „erinnerungspolitischen Querfront“ attackiert, „die sich nach der Befreiung von der unheilvollen deutschen Vergangenheit sehnt“. In kritischen Fokus des Autors stehen nun nicht friedensbewegte Kräfte, – auch nicht die AfD, sondern Stimmen, die in Hinblick auf die Kriegsverbrechen Israels und die Unterstützung Deutschlands ein „we will remember“ kundtun. In einer recht gewagten Schlussfolgerung unterstellt Markus Linden diesem nicht näher erläuterten Personenkreis, sie wollten damit nichts anderes bewirken, als die Erinnerung an den Holocaust selbst aus dem diskursiven und öffentlichen Feld zu schlagen. Auch hier geht Linden auf wenige einzelne Protagonisten ein, denen er sehr viel Raum schenkt. Er beschreibt zur Unterstützung seiner „Querfront“-These den Auftritt der Regisseure Abdallah Alkhabit und des Produzenten Taqiyeddine Issaad des Filmes „Chronicles From The Siege“ bei der diesjährigen Berlinale. In deren Bekundungen, dass in der deutschen Öffentlichkeit das Schweigen über den Genozid in Gaza ein Ende finden müsse, kann er nur ein revisionistisches Ansinnen ausmachen, wozu in dem Text allerdings ein langer und etwas sachfremder Exkurs zu Martin Walsers Friedenspreisrede nötig ist.
Markus Linden. Zwei Texte. Zwei relevante Publikationsorte. Zielte der erste über den Nazihinweis auf die gesamte Friedensbewegung, so will der zweite das Palästinaengagement ins geschichtsrevisionistische Zwielicht rücken. Die Texte sind in ihrer Absicht leicht zu durchschauen, sie leben von Übergeneralisierung und Skandalisierung, sie arbeiten von der Verdachtslogik, konstruieren sachfremde Querverbindungen und ihnen ist eine extremismustheoretische Setzung eingeschrieben.
Laut Wikipedia ist der Autor nicht nur Professor in Trier, sondern schreibt regelmäßig Beiträge für Websites wie Zentrum Liberale Moderne (LibMod) und deren Projekt „Gegner-Analyse“. Der Medienunternehmer Friedrich Küppersbusch hatte Mitte 2022 für sein YouTube-Format ein vielbeachtetes Video zu LibMod produziert. Küppersbusch TV nannte den Beitrag „Staatsknete für die richtige Meinung“. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) und die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) würden mit sechsstelligen Beträgen das Projekt „Gegner-Analye“ der Grünen-nahen Denkfabrik finanziell unterstützen. Soviel zu den Fragen, was staatlich gefördert wird und wer sich in welchem Interesse vernetzt.
Abgesehen davon zeigt sich bei einer genaueren Textanalyse der Beiträge von Markus Linden, dass er diskursstrategisch einer liberalen Demagogie folgt. Die Geschichte der Oster- und Friedensbewegung, in der immer und bis heute linke Kräfte die entscheidende Rolle spielten, wird verzeichnet oder Opfer eines passgenauen narrativen Löschverfahrens. Dass sich unter Kräften sowohl des historischen wie des aktuellen Friedens- wie Palästinaengagements mehrheitlich Menschen finden, die nicht auf sprachliche Nonsensformeln wie „unheilvolle deutschen Vergangenheit“ zurückgreifen, sondern den Faschismus analysieren können und einen Begriff von der Sache selbst haben, das heißt, in der Lage sind, den deutschen Vernichtungskrieg als Spezifikum zu diskutieren und dennoch Völkermorde und Genozide anzuklagen, schert Linden wohl kaum. Wissenschaftlichkeit kann er kaum für sich reklamieren. Seine Forschung ist bereits „begleitet“ und embedded, wie er es für andere einfordert. Sein Ergebnis ist seine Absicht. Man darf auf den dritten Artikel Lindens gespannt sein. Er wird sicherlich an relevanter Stelle erscheinen.